Aus dem Häuschen

Trauma Einbruch – dein ganz privater Krimi

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Die Lippen beben, die Stimme bricht, die Augen füllen sich mit Tränen … Vor mir sitzt eine gestandene Geschäftsfrau, die im Sinne des Wortes außer sich ist. Sie besitzt eine kleine Galerie in guter Innenstadtlage und bietet hochwertige Kunst in edlem Umfeld an. Vor zwei Tagen wurde bei ihr eingebrochen – nicht in die Galerie, sondern in ihr Einfamilienhaus in der Nähe. Sie hat den Täter gesehen und ist seitdem aus dem Häuschen. Ein Kripobeamter vor Ort hat ihr meine Adresse vermittelt. Nun wohnt sie hier im Hotel.

C: Frau M., was Sie erlebt haben, hat Sie tief erschüttert. So würde es jedem von uns gehen. Wir haben die Chance, Ihren Stress herunterzufahren und Sie wieder „auf die Schiene“ zu setzen. K lächelt gequält: Ja, danke, Frau Lönne. C lächelt zurück und reicht ihr ein Taschentuch: Schau’n Sie mal – ein echt tröstliches Taschentuch (mit bunten Schmetterlingen) – extra für Sie!

Und nun erzählen Sie bitte von Anfang an. Wie war das vorgestern? K schnäuzt sich die Nase und fängt an: Ich habe ihn gesehen, er ist direkt unter mir hergelaufen … Ihre Augen verdunkeln sich und sie fängt wieder an zu weinen. C legt die Hand beruhigend auf ihren Arm und gibt ihr die Anweisung: Schauen Sie bitte einmal konzentriert auf meine Fingerkuppen und bewegen Sie Ihre Augen in die Richtung, die ich vorgebe. Rechts – links, rechts – links, rechts – links… Ich arbeite mit der Klientin ein Set aus wingwave durch. Sie schluckt einmal hart und wird ruhiger. Nun erkläre ich ihr, was wingwave bewirkt und wie die Methode funktioniert. Daraufhin können wir zunächst die belastenden Gefühle aus dem Einbruchserlebnis bearbeiten und neutralisieren. Angst, Schock, Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit, Empörung, Scham, Trauer – die Emotionen, die sie im Augenblick blockieren, sind sehr unterschiedlich. Wir finden auch Wut auf ihren Mann, der ganz friedlich im Bett lag und den Einbruch zum größten Teil verschlief …

Nach einer Pause und einem starken Espresso geht es weiter.  C mit einem aufmunternden Lächeln: Wie geht es Ihnen jetzt? Ist alles okay? K nickt. Sie ist schon fast wieder die coole Geschäftsfrau: Mich ärgert vor allen Dingen, dass ich der Polizei kaum helfen kann. Die Kripo wollte wissen, ob mir in den Tagen zuvor irgendetwas aufgefallen ist. Mist, ich kann mich nicht erinnern! C: Fangen wir doch noch einmal von vorne an. Vielleicht haben wir Möglichkeiten, die Erinnerung wieder hervorzuholen. An was können Sie sich denn noch erinnern? An das Erlebnis des Einbruchs? K nickt. C: Wie war das genau? Was ist vor zwei Tagen nachts passiert? Sie sagten, Sie lagen im Bett und sind von einem Geräusch erwacht? K: Ja, irgendwie bin ich wach geworden. Wusste aber nicht genau, warum. Dann habe ich ein leises Geräusch gehört, so ein Quietschen, wie sich die Tür von unserem alten Sekretär anhört, wenn man sie ungeschickt öffnet. Ich warte. K: Ich bin aufgestanden, habe mir den Bademantel angezogen und bin ganz leise durch die Schlafzimmertür zum Treppengeländer geschlichen. Unsere Schlafzimmer liegen oben und das Geräusch war von unten gekommen. Ich nicke. K: Ich stand ganz still und hatte das Gefühl, mein Herz klopft so hart und so schnell wie nie. Es war totenstill. Kein Geräusch mehr. C: Und dann? K kopfschüttelnd: Dann war ich auf einmal total erleichtert und schalt mich selbst, so einen Narren aus mir gemacht zu haben. Ich schaute noch einmal hinunter und wollte gerade wieder ins Zimmer gehen … C: Ja, und was war da? K: Da sah ich ihn! Direkt unter mir! Es war der Hammer! C: Was sahen Sie genau? K engagiert: Stellen Sie sich vor, eine schwarze Gestalt mit Kapuze! C: Und dann? K: Ich war wie versteinert. In Schweiß gebadet. Mir blieb fast die Luft weg … C: Was hat die Gestalt getan? K schaut auf den Boden und überlegt laut: Ja, was hat er eigentlich gemacht? Er ist unter mir, also unter der Treppe, in Richtung Haustür gelaufen. Mein Gott, wenn er einmal hochgesehen hätte … C: Und was passierte dann? K: Nichts, er ging eilig durch die offenstehende Haustür und verschwand im Dunkeln. Stille. K: Und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Meine Beine funktionierten nicht mehr. Ich bekam plötzlich Panik, dass er wiederkommen könnte. Ich konnte nicht schreien. Ich war wie gelähmt … Stille. C: Und dann kam Ihr Mann dazu? K nickt aufseufzend: Ja, und dann habe ich geschrien, bin auf ihn zugestürzt und habe auf ihn eingeschlagen … Er war vollkommen perplex und hat mich erschrocken angesehen. Er hielt mir die Hände fest und versuchte, mich zu beruhigen. Erst im Guten … C: Und dann … K: Bitte sagen Sie es niemandem, aber er hat mir eine gescheuert. Und das war’s.

Er hat dann zuerst die Haustür geschlossen und verriegelt und dann die Polizei benachrichtigt. C: Und der Räuber? K zuckt mit den Schultern: Keine Spur von ihm. Die Polizei hat ermittelt, dass er die unverschlossene Haustür aufgehebelt und sich auf diese Weise Zugang zu unserem Haus verschafft haben muss. C: Sie sagten, Sie haben einen erheblichen Verlust erlitten? K: Ja. Ich nehme die Kasse der Galerie routinemäßig mit nach Hause und lege sie in den Sekretär. Am nächsten Tag nehme ich sie dann wieder mit. 4/2014 Kommunikation & Seminar 45 C: Zahlen Ihre Kunden zum großen Teil mit Karte? Dann dürfte doch eigentlich nicht viel Geld in der Kasse gewesen sein, oder? K: Zurzeit zahlen viele Kunden in bar … C: Oha! Sie haben doch direkt nebenan eine Bank? Es gibt Geldbomben zum Einwerfen von Bargeld nach Bankschluss. Nutzen Sie diese Systeme nicht? K mit einer wegwerfenden Geste: Ach, die Banken! C: Was sagt die Polizei dazu? K: Sie haben den Einbruch aufgenommen, mich befragt, ihr „Beileid“ ausgesprochen und sind wieder verschwunden. C: Gibt es denn eine Spur vom Täter? K schüttelt den Kopf: Die Kripo hatte noch nicht einmal die Spurensicherung geschickt … C: War denn an dem Tag irgendetwas Besonderes, irgendetwas anders als sonst? K: Ich kann mich nicht erinnern. Es ist alles weg. Der ganze Tag! Ich weiß nur noch, wie ich aufgewacht bin, an der Treppe stand, und da war die schwarze Gestalt mit Kapuze. C: Wissen Sie nicht mehr, wie das Geschäft an dem Tag war, wer die Galerie besucht hat, was Sie alles erledigt haben, ob etwas Besonderes anstand? K schüttelt den Kopf: Hm, nein. Die Polizei hat mich das auch schon nachgefragt. Ich weiß es einfach nicht mehr! C: Wie wär’s, wenn wir Ihr Unterbewusstsein zu Hilfe riefen? Wir könnten der Erinnerung vielleicht mit einer Hypnose auf die Sprünge helfen. K hoffnungsvoll: Ach ja, das wär’ was! Gern, wenn wir eine Chance haben …

Ich überrasche die Klientin mit einer unvermuteten Gebärde und täusche blitzschnell eine Begrüßung mit Handschlag vor. In einer fließenden Bewegung nehme ich mit meiner Linken das Handgelenk der Klientin zwischen Daumen und Zeigefinger und hebe es langsam drehend in Gesichtshöhe. Mit meiner Rechten fange ich den Blick der Klientin ein und lenke ihren Fokus auf ihre rechte Hand. Die Hand innenfläche der Klientin zeigt jetzt zu ihrem Gesicht. C: Schau’n Sie mal, schauen Sie sich Ihre schöne Hand an. Ihre Linien, ihre Hautmuster, ihre Bewegungen… Ich halte die Hand der Klientin ganz zart und bewege sie vorsichtig vor und zurück – direkt vor ihren Augen. Die Klientin fixiert die Hand und folgt den Bewegungen. Ich werde immer langsamer in dem Schaukeln und beginne im Rhythmus der Klientin zu atmen. Meine Stimme wird immer leiser. Die Augen der Klientin lösen sich allmählich von dem Anblick der Hand. Sie wirkt mehr und mehr „gedankenverloren“. Ich atme langsamer und langsamer und flüstere, die Silben dehnend. C: Schließ die Augen. Ja, schließ deine Augen. – Ja, so ist es gut. – Und mit jedem Atemzug gehst du tiefer, tiefer, noch tiefer … – Relax. Die Augenlider der Klientin werden schwer und fallen zu. Der Kopf neigt sich in Zeitlupe nach vorne. Ich nehme die rechte Hand der Klientin und halte sie neben ihren Kopf. C: Ich lasse jetzt deine Hand – ganz – langsam – los. Und mit der Bewegung, mit der dein Arm und deine Hand sich ganz langsam abwärts neigen, gehst du tiefer und tiefer und tiefer in einen wunderbaren Schlaf …

In tiefer Trance lasse ich die Klientin noch einmal durch den Tag gehen, der dem Überfall voranging. Nach dem Wiederaufwachen aus der Hypnose erinnert sich die Galeristin, dass an dem fraglichen Tag ein heftiges Gewitter niedergegangen und allgemein der Strom ausgefallen war. Sowohl in der Galerie als auch im Privathaus gab es ungeplante Elektroarbeiten. Und zwar an beiden Standorten von denselben Handwerkern!

Meine Klientin hat nach dem Coaching umgehend die Polizei informiert. Es stellte sich heraus, dass eine renommierte Elektrofirma wegen des hohen Arbeitsanfalls ausnahmsweise fremde Aushilfskräfte angeheuert hatte. Wahrscheinlich hatte jemand unter ihnen Geldeingänge in der Galerie die Unterbringung der Kasse imPrivathaus beobachtet … Doch diese Aushilfskräfte ließen sich nicht mehr auffinden.

Gabriele Lönne, Master Coach DVNLP, Heilpraktikerin (Psych.), Dozentin an der Hochschule für Gesundheit und Sport, München, European Medical School Oldenburg. Website: www.loenne.info

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